Pflege und Zucht des Gummibärchens

Das Gummibärchen stellt ein in seiner Beliebtheit unübertroffenes Haustier dar. Kaum ein anderes Tier weltweit erreicht seine Verbreitung. Hierzulande finden sich in manchen Haushalten Populationen von manchmal mehreren hundert Exemplaren. Und dies, obwohl kaum jemand etwas über die Vermehrung des Gummibärchens weiß.

Das Gummibärchen gehört biologisch zu den wohl ausgefallensten Organismen überhaupt, da es sich bei ihm um ein Tier-Pflanze-Mischlebewesen handelt. Es verbindet eine Vermehrung in der pflanzlichen Form mit einer oder mehreren Vermehrungen in der tierischen Form. Dabei sind in der Verbreitung beide Varianten beliebt, werden aber fast nie als die zwei Erscheinungsformen der selben Art erkannt, was sich auch in der Lateinischen Artnamensgebung niederschlägt. Der Gummibaum, die pflanzliche Form also, heißt auf Lateinisch Ficus benjamini, gehoert also in die Gruppe der Gummibäume (auf denen überigens bei anderen Arten ähnlich interessante Gummi-Tiere wachsen), die tierische Form hingegen wird wegen ihrer morphologischen Merkmale in die Gruppe der Bären eingeordnet und ihr wird der Name Ursus gummi-simplex (der einfache Gummi-Bär, auf Ficus lyrata, dem Riesen-Gummi-Baum wächst Ursus gummi-duplex, der Doppel-Gummi-Bär oder das Riesen-Gummi-Bärchen) gegeben.

Die Vermehrungsform beinhaltet einen Generationswechsel (das Abwechseln von einer oder mehreren geschlechtlich erzeugten Generationen mit einer oder mehreren ungeschlechtlich erzeugten Generationen) mit der ungeschlechtlichen Vermehrung auf der pflanzlichen Seite. Dies wird der Hobby-Pfleger leider nur selten beobachten koennen, denn wer bekommt schon seinen Gummi-Baum zum Blühen? Dokumente dieser seltenen Ereignisse finden sich dann auch sofort in einschlägigen Fachzeitungen (s. HoerZu '90).

Die so entstandenen Gummi-Bärchen werden dann von den Gummi-Sammlern von den Baumen abgelesen und an die Zuchtfarmen (z.B. die bekannte Firma Harri-Buh) verkauft. In diesen werden die ersten Zuchtansätze in kleine Plastiktüten gesetzt, wo sie sich schnell vermehren. Dabei zeigen die possierlichen Tieren ein sehr ausgeprägtes Sozialverhalten, bei dem sie ein eklatantes Rassenbewußtsein aufzeigen. Die Vermehrung erfolgt nur unter gleichfarbigen Tieren. Sehr selten koennen wir aber auch Zeuge von Mischehen und den damit verbundenen Mischlingskindern werden. Bei diesen finden wir meist eine deutliche Trennung der väterlichen und mütterlichen Gene, so daß der Koerper der Kleinen an einem Teil mehr zu der einen, am anderen Teil mehr zu der anderen Farbe tendiert.

Da die Vermehrung zunäst sehr rasch vor sich geht, steht der Züchter bald vor einer gut gefüllten Tüte, meist mit einem Gesamtgewicht von 250g. Ab dieser Menge ändert sich das Fortpflanzungsverhalten, da der doch recht kleine Raum keine weitere Vermehrung mehr zuläßt. Die Weibchen bekommen ihre Jungen deshalb nur, wenn gerade ein altes Tier stirbt. Das Junge stürzt sich alsdann auf den Kadaver und verzehrt ihn. So erreicht es innerhalb weniger Minuten seine endgültige Größe. Nur wenn es zu einer seltenen Zwillingsgeburt kommt, finden sich auch zurückgebliebene, etwas kleinere Tiere, die jedoch nicht fortpflanzungsfähig sind. Mit diesen Zwillingen werden vom Laien die Siamesischen Zwillinge verwechselt, die, meist am Kopfende, verwachsen sind. Dieses Ereignis findet immer dann statt, wenn nahe benachbart zwei Alttiere sterben, und die Jungen Kopf an Kopf fressen, wobei ihre noch zarte Haut mit der des Nachbarn zusammenwächst.

Durch diese eigentümliche Populationsdynamik sind die gewerblichen Züchter gezwungen ihre Zuchtbestände regelmäßig umzutüten. Dem Hobby-Züchter erwachsen nun schier unüberwindbare Schwierigkeiten, wenn er seine Gummi-Bärchen weiterzüchten will. Fehlt ihm doch das als Firmengeheimnis gehütete Zuchtfutter, mit dem die Tüten vor dem Wiederverschließen versehen werden. Auch das Verschließen der Zuchttüten ist nicht einfach, denn wer hat schon ein Folienschweißgerät zu Hause, das Gummi-Bärchen-ausbruchssichere Schweißnähte herstellt? Also wird die Hobby-Zucht des Gummi-Bärchens auch weiterhin ein Wunschtraum bleiben...