Das Leipziger Allerlei

Jeder kennt es, die meisten haben es auch schon mal gegessen: Das Leipziger Allerlei. Kaum jemand wird sich hingegen gefragt haben, woher zum Beispiel das Leipziger Allerlei seinen Namen hat.

Die ist allerdings recht einfach zu erklären: Im Jahre 1952 wurde am Rande von Leipzig der VEB Kombinat Pflanzen- und Saatzucht mit dem Namen "LPG Allerlei" gegründet. Diese LPG befasste sich zunächst mit dem großtechnischen Anbau von Möhren (auch Karotten oder Wurzeln genannt).

Als sich mit der Zeit herausstellte, daß sich die Monokultur negativ auf die Gesundheit der Pflanzen, den Ertrag des Bodens, und damit auch auf die Menge der Ernte auswirkt, wurden zur Auflockerung der Kultur, und zum Erreichen des nächsten "5-Jahres-Planes Möhrenproduktion" Zwischenreihen mit Erbsen gepflanzt.
Bei der aufwendigeren Anbaumethode entstanden allerdings kleinere Erdaufwürfe in Linienform, die, wie durch ein Wunder parallel zu den angepflanzten Reihen an Erbsen und Möhren verliefen.
Diese Erdaufwürfe stellten zunächst ein großes Problem bei der maschinellen Feldbestellung dar, bis der Argaringenieur Stefan Pargel diese zur Kultur des nach ihm benannten S.Pargel's (meist zusammen als Spargel geschrieben) als nützlich erkannte.
Seit dieser Zeit wurde auf der Leipziger LPG "Allerlei" nur noch die Kombination von Möhren, Erbsen und Spargel angebaut.

Die früheren Schwierigkeiten bei der Kultur bezüglich der Schädlingsanfälligkeit und der einseitigen Bodennutzung konnten so eliminiert werden.
Allerdings entstanden durch diese neue Kulturform neue Schwierigkeiten. Diese bestanden in der Form der Ernte, da es die Anbauform nicht ermöglichte, die einzelnen Gemüsearten getrennt zu ernten. Also wurden Kombinationserntemaschinen, die in einer Welt-Best-Erstleistung vom Industrie-Kombinat EMS (Ernte-Maschinen-Spezialbau) entwickelt worden sind, eingesetzt, die alle Gemüsesorten zur gleichen Zeit ernten konnten.
Das verbleibende Problem der Trennung der einzelnen Gemüse konnte jedoch in den verbleibenden Jahrzehnten nicht gelöst werden, so daß man zweckmäßigerweise die drei Gemüse gemeinsam vermarktete, und zwar unter dem Namen der LPG und des Herkunftsortes.

Andere LPGs und Kombinate, die vor ähnlichen Schwierigkeiten standen, entwickelten ähnliche Konzepte, nur daß sie diesen nicht den eigenen Namen aufdrückten, so daß sie meist unerkannt blieben.
Eines dieser Beispiele ist das Staatliche Kombinat Klöpse und Kapern "LPG Bergauf" bei Königsberg. Dies Kombinat hatte dieselben Probleme mit den Monokulturen bei Klopspflanzen und pflanzten Kapernbüsche in die Zwischenräume.

Auch hier wurden die Feldfrüchte wieder gemeinsam geerntet, nur der Name setzt sich hierbei aus der größeren Komponente und ihrem Herkunftsort zusammen. Die Kaper fällt völlkommen unter den Tisch. Und dies völlig zu Unrecht, da sie eine bewegte Küchen- und Namensgeschichte hinter sich hat.

Früher hieß die Kaper einfach Enter. Dies bereitete keinerlei Probleme, da es wenig ähnliche Worte gab, und man diese auch nie in Kombination miteinander benutzte. Die einzige Namensähnlichkeit gab es mit dem Seeräuberbegriff "Entern", der der Vielzahl von Enter entsprach. Deshalb fühlten sich einige seefahrende Gäste, die bereits einen Enter-Überfall von Seeräubern erlebt hatten, peinlich berührt, wenn sie auf der Speisekarte Gerichte wie "Kapaun mit Entern-Sauce" fanden.
Verwirrung entstand auch bei der weiteren Evolution der Gastronomie. Mit einer um sich greifenden Verwendung der Enter in der Küche entstenden dann auch die bisher nicht geahnten Begriffskombinationen, die zur Verwirrung führen können, z.B. Ente mit Entern. Handelt es sich hierbei um eine Ente mit mehreren falsch bezeichneten Erpeln, oder um eine Ente mit mehreren einzelnen Enter gewürzt?

Außerdem fand mit der zunehmenden Verbreitung der allgemeinen Bildung auch die Verbreitung des Begriffes "enteron" (griechisch f. Inneres, im Sinne von Darm) statt, so daß sich mit der Enter nicht mehr viel Staat machen ließ.

Da der sozio-rethorische Druck auf den Begriff Enter zunahm, entschloß man sich, den Begriff für die Enter zu ändern in die Kaper. So wurden die Begriffsverwirrungen wie "Ente mit Entern" entschärft zu "Ente mit Kapern". Eine Verwechselung mit dem, vielen Leuten peinlichen Begriff Enteron wurde so ebenfalls vermieden.
Außerdem waren die Seefahrer besänftigt, wenn auch nur für kurze Zeit, da sich die Piraten schnell an den neuen Begriff anpaßten und das so diffamierte "ENTERN!" durck ein unauffälligeres "KAPERN!" ersetzten. Dies ist ein typisches Beispiel von orthographischer Koevolution.

Andere Kombinate hatten mit der Auswahl ihrer Zwischensaatpflantzen nicht so viel Glück, wie z.B. das Kombinat Obst und Gemüse "LPG Wirdnix". Diese LPG beschäftigte sich zunächst mit dem ausschließlichen Anbau von Bohnen.
Zur Aufbesserung und Auflockerung der Monokultur wurden dann Erdbeeren zwischengepflanzt. Dies bereitete agrartechnisch auch keine Probleme, nur bei der Vermarktung der Mischernte traten die Probleme auf.
Wie sollte man das neue Produkt nennen? "Wirdnixer OG"? "Erdnen"? "Bohnbeeren"?
Neben diesem Problem tat sich auch die Frage auf, bei welchen Gerichten das neü Produkt zum Einsatz kommen könnte. Nach jahrelangem vergeblichen Anbieten der Erdbeer-Bohnen-Mischkonserven stellte der Staat die Subventionen für den Betrieb ein, wodurch die LPG gezwungen war zum unrentabelen Anbau von Monokultur-Bohnen zurückzukehren.

Damit bleiben also die Beispiele der Kombinate Klöße und Kapern "LPG Bergauf" sowie Pflanzen- und Saatzucht "LPG Allerlei" als erfolgreiche Beispiele für den Abbau der vernichtenden Monokultur.