Seepferdchen im Süsswasser oder die teuerste Art Fischstäbchen zu kaufen

Fischstäbchen im Aquarium? Jawohl! Allerdings ohne Pannade, denn es handelt sich um Süsswassernadeln.
Wenn man diese Tiere das erste mal sieht, wird Fischstäbchen auch so ziemlich das sein, was einem als erstes dazu einfällt.

Der Körper ist extrem lang und mit Knochenringen umgeben. Dies haben sie mit den Seepferdchen gemein, zu deren Verwandtschaft sie auch zählen. Das Maul ist langgezogen und die Öffnung oberständig. Es kann durch Herabdrücken des Zungenbeins und Kiemenbodens mit einem schnellen Schnappen geöffnet werden, wobei ein Unterdruck entsteht, der auch Futtertiere ins Maul saugt, die normal gar nicht durch die kleine Röhrenöffnung passen würden. Die Fortbewegung erfolgt zum allergrössten Teil über die schnell vibrierenden Brustflossen, genau wie bei den Seepferdchen oder auch wie bei Kugelfischen. Dabei werden alle Richtungen erschlossen und auch ausgenutzt, was, wenn man die Tiere im eingerichteten Becken erst einmal erblickt hat, sehr faszinierend ist.

In der Futteraufnahme liegt auch schon das erste Problem bei diesen filigranen Fischen: Sie fressen, bis auf wenige Ausnahmen, nur lebendes Futter, wobei sie auch noch wählerisch sind. Die eine Art mag keine Wasserflöhe, die andere bevorzugt diese. In jedem Fall gehören Krebstiere anscheinend zu ihrer Hauptnahrung. In der Natur ernähren sie sich zudem auch von Garneleneiern, die sie den Eiertragenden Weibchen unter dem Bauch wegschnappen (vgl. GOHMANN 1986). Ein Verhalten, daß auch ich bei der grossen Süsswassernadel schon beobachten konnte. Ausser diesem "Kaviar" nehmen sie auch weisse Mückenlarven, teilweise auch rote und schwarze, frischgeborene Lebendgebärende und, je nach Art und Grösse unterschiedlich grossgezogene Artemien.

Schon vor geraumer Zeit bin ich durch einen Artikel in der DATZ (BÖHM 1979) auf die bunten Vertreter der Süsswassernadeln aufmerksam geworden, auf Syngnathus pulchellus BOULENGER 1915, die kleine Süsswassernadel. Diese Tiere kommen in den Küstengewässern der westafrikanischen Flüsse, insbesondere im Kongo, Niger und dem Küstengebiet der Elfenbeinküste vor. Neben einem roten Bauch fallen die Tiere vor allem durch die metallisch-hellblauen Seitenflecke und dem hellblauen Unterkiefer auf.

Sie werden bis zu 15 cm (10 cm vgl. GARTNER 1979) lang und dabei knapp einen cm hoch. In der spärlichen Literatur werden sie als robust und sogar im Aquarium züchtbar beschrieben. Bei der Zucht legt das Weibchen mittels seiner Legeröhre die Eier in eine Hautfalte am Hinterleib des Männchens, das diese anschliessend besamt und die Eier ca. drei Wochen austrägt.

Angenehm überrascht war ich, als ich auf einer unserer Vereinsfahrten in Hannover in einem Händlerbecken diese bunten Gesellen entdeckte, oder vielmehr das, was sich einmal bunt färben sollte, denn bei den kleinen "Stopfnadeln" - grösser waren sie noch nicht - konnte man nur einen Hauch von Farbe erahnen. Nach einigem Handeln nahm ich sie trotzdem mit. Die Tiere kamen unbeschadet zu Hause an und bezogen ein 12 Liter Becken mit Quarzsand, einer Wurzel und Javamoos. Entsprechend der Herkunft aus Küstenbereichen fügte ich dem Wasser Salz bei, da dies auch beim Züchter so geschah. Für die kleinen kam als erstes Futter nur Artemia in Frage, die ich eiligst ansetzte. Zwischenzeitig versuchte ich es mit Grindalwürmern, die angeschaut aber nicht angerührt wurden.

Als die Artemien geschlüpft waren, besserte sich die Lage zwar, aber die Tiere waren längst nicht mehr so aktiv, und nahmen sie auch nicht besonders interessiert an. Innerhalb einer Woche verabschiedeten sich die Tiere alle in den Fischhimmel. Ob es an der knapp zweitägigen Hungerzeit lag oder an evtl. schädlichen Absonderungen der frisch erworbenen (gründlich gereinigten) Wurzel kann ich nicht sagen, für mich bleibt aber die Quintessenz, dass man bei Süsswassernadeln mindestens halbwüchsige Tiere erwerben sollte.

Diese Regel befolgend stand ich einige Monate später wieder vor einem Becken mit fast ausgewachsenen Süsswassernadeln, diesmal waren es Vertreter der Gattung Microphis, die meist als grosse Süsswassernadeln bezeichnet werden. Wie auch schon im Düssesdorfer Aquazoo verbrachte ich geraume Zeit vor dem Becken um mir die Geschlechter anzusehen und kam zu dem Schluss, daß die Gruppe von fünf Tieren aus einem Weibchen und vier Männchen besteht. Nach dem üblichen Handeln bekam ich die Gruppe zum Preis von vier Tieren und ließ sie reservieren um schnell ein Becken fertigzumachen. Die Wasserflohzucht wurde aus dem 90 L-Becken mit den Maßen 110 x 50 x 17 cm ausquartiert und das Becken grob gereinigt. Es wurde wieder mit Quarzsand, einem kleinen, gedrosselten Motorinnenfilter und einem grossen Busch Fadenalgen bestückt. Ausserdem enthielt das Becken eine grosse Menge an Posthornschnecken. Eine Ecke mit Vallisnerien und eine mit Cryptocorynen komplettierte das Ganze.

Bei 24 Grad und mit 40 Gramm Seesalz zogen die Nadeln dann zwei Tage später ein. Das angebotene Futter nahmen sie gierig an, denn beim Händler saßen sie im Gesellschaftsbecken und waren schon erkennbar mager. Aber auch dort stellten sie den Eiern von Glasgarnelen nach, die im gleichen Becken untergebracht waren.

Bei mir waren sie mit vier Jungtieren von Zwergflusskrebsen, Art unbekannt, und einem hochträchtigen Metallkärpfling-Weibchen, das regelmaessig ausgewechselt wurde, vergesellschaftet.

Da bereits mehrere Zuchtberichte über große Süsswassernadeln vorliegen, hoffte ich, daß ich diese Art auch erfolgreich vermehren zu können, sofern meine Lebendfutterversorgung für die Alttiere ausreichend ist. Da ich aber immer ausreichend trächtige Weibchen verschiedener Lebendgebärender zur Verfügung habe, und sie den frisch abgesetzten Jungtieren mit Erfog und Appetit nachstellen, sehe ich wenig Probleme. Das zur Zeit uneingeschränkte Lieblingsfutter stellen weisse Mückenlarven dar, gefolgt von neugeborenen Lebendgebärenden.
Wasserflöhe nehmen sie ungerne, mit schwarzen Mückenlarven haben sie Probleme, da diese in der Maulröhre hängenbleiben und rote Mückenlarven nehmen sie erst gar nicht an. Bei Artemien kommt es auf die Relation Hunger zu Artemiengröße an, generell werden sie aber angenommen.

Bereits nach einer Woche sah ich ein Tier, das sich dunkel verfärbt hatte und auf dessen Bauschschienen - es war also ein Männchen - weisse Flecke abgezeichnet waren. Bei näherem Hinsehen war aber deutlich zu erkennen, daß es sich lediglich um ein Zeichnungsmuster handelte und nicht um die erhofften Eier. Am gleichen Tage konnte ich dann auch noch die Balz beobachten, von einem anderen Männchen, das dann aber ebenfalls dunkel gefärbt war. Das Männchen schwamm ca. zwei Zentimeter über dem Weibchen und blieb relativ zu seinen Augen ca. einen cm hinter dem Weibchen. Die Atmung der beiden Tiere war absolut synchron. Dann schwamm das Männchen über die rechte Seite des Weibchens und setzte die Bewegung im Halbkreis bis zu einem Winkel von 75 Grad fort, wobei es dem Weibchen seine Bruttasche präsentierte.
Zeigte das Weibchen kein Interesse (zu erkennen an dem deutlich sichtbaren Mustern der Bruttasche durch das Weibchen), so schwamm das Männchen wieder in normaler Position an seine Seite. Wenn das Weibchen einen "Satz nach vorne" machte, folgte das Männchen sofort nach. Andere Männchen, die sich abdunkleten und dem Weibchen nächerten, hielt das Männchen ausserhalb der Begutachtung des Weibchens, indem es sich in die Sichtlinie schob und dem Rivalen die aufgespannte Schwanzflosse zeigte.
Dieses Verhalten zog sich von verschiedenen Tieren über drei Wochen hin, bis ich eines Nachmittags ein Männchen mit den freudig erwarteten Eiern sah. Das Weibchen war vorher nicht besonders füllig gewesen, ja es sah im Vergleich zu den vollgefressenen Männchen immer etwas mager aus. Nach der Eiablage konnte man keine Abnahme des Körperumfanges erkennen, es waren aber auch nur wenige Eier, ca. 30 Stück und die Bruttasche war nur zu etwa einem Viertel gefüllt. Ob ich die Eiablage durch Hantieren am Becken gestört habe kann ich nicht sagen, aber das Mänchen präsentierte - in heller Färbung - dem Weibchen mehrfach Bauch und Eier.
Nach 24 Stunden waren von den Eiern nur noch drei übrig, diese pigmentierten sich aber im Laufe des folgenden Tages - und waren nach weiteren 30 Stunden verschwunden... Aufgrund der manchmal unregelmäßigen Lebendfutterversorgung hatte ich die Artgenossen in Verdacht, daß sie sich als Eierdiebe betaetigt haben könnten, wie es ja in der Natur regelmäßig bei den Garnelen geschieht, und die Position der Eier ist bei Garnelen und Süßwassernadeln die gleiche.
In diesem Verdacht wurde ich bestätigt, als eine Woche nach der ersten Eiablage das zweite Männchen eiertragend unterwegs war, und dabei seine ca. 100 Eier vor Artgenossen, die nicht das Weibchen waren durch Abwenden der Bruttasche "tarnte". Leider vergingen diesmal keine acht Stunden, bis die Eier vollständig verschwunden waren.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, werde ich das nächste trächtige Männchen separieren.

Gesagt - doch nicht getan... Denn als ich das nächste trächtige Männchen sah, fielen mir die ziemlich unsauber angehefteten Eier auf. Weiter im Becken herumschauend fand ich auch eine Reihe Eier auf den Fadenalgen liegend und saugte diese mit einem Luftschlauch ab. Nach fünf Tagen waren die ersten Larven geschlüpft und nach sieben Tagen hatten sich die vorher bewegungslosen und gekrümmten Larven bereits bis auf 5 mm gestreckt, aber sie waren einfach unendlich dünn.

Nach etlichen Wochen, in denen ich immer wieder kurzzeitig eiertragende Männchen sehen konnte, waren bei einem Männchen die Eier nicht wie früher transparent sondern auf einmal schwarz gefärbt. Und diese Eier hielten sich drei Tage, dann schlüpften die ersten Larven und schwammen durchs Becken. Allerdings schwammen alle in eine Richtung, und zwar zur Wasseroberfläche.
Von nun an konnte ich regelmaessig schwimmende Larven entdecken, allerdings schafften nur einmal ca. 10 Larven an der Wasseroberfläche auch ihre Schwimmblase zu füllen. Diese standen dann in Bodennähe waagerecht im Wasser und beobachteten intensiv den Mulm oder Pflanzenwurzeln. Gelegentlich pickten sie hier oder da, aber einen runden Bauch konnte ich bei keinem der Tiere entdecken, das Futter schien also nicht auszureichen. Frischgeschlüpfte Artemia-Nauplien wurden nicht angenommen, und der Versuch mit Protogen-Granulat nm großen Becken oder in einem Extra-Becken verlief erfolglos.
Übrigens kümmerten sich die adulten Tiere überhaupt nicht um die kleinen. Eine Aufzucht im gleichen Becken sollte also gut möglich sein, und das nicht nur in den großen Schauaquarien, wo dies ja bereits passiert.

Die Bestimmung dieser Tiere, die augenscheinlich Wildfänge sind, war nicht einfach, den die Gattung kommt im gesamten afrikanisch-asiatischen Raum vor. Neben den Artunterschieden kann also auch innerartlich mit Unterschieden gerechnet werden. Nach meiner Literatur haben M. smithi DUMERIL 1870 keinen roten Strich vom unteren Bereich der Brustflossen ausgehend, während auf den Fotos in den DATZ-Artikeln die Tiere dieser Art den Strich aufwiesen. In jedem Fall ist die von mir gepflegte Art mit der auf den Fotos identisch. Im MERGUS Bd.4 wird M. smithi zum Synonym für M. brachyurus gestellt, auf dem Foto sieht man jedoch eine andere Art, als die von mir gepflegte.

Literatur: